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Urtikaria - eine altbekannte Erkrankung

von Prof. Dr. med. Isaak Effendy (Kommentare: 0)

Urtikaria, wie der medizinische Fachbegriff lautet, ist eine weltweit verbreitete Hautkrankheit. Im Volksmund wird die Krankheit als Nesselsucht benannt. Jeder vierte Erwachsene zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr erkrankt nach Schätzungen der Experten mindestens einmal im Leben an Urtikaria. In Deutschland leiden rund 800.000 Menschen an der chronischen Urtikaria.

Die typischen Krankheitszeichen der Urtikaria sind Hautrötungen am Körper, die relativ rasch von leuchtend roten Erhebungen gefolgt sind. Diese sogenannten Quaddeln können klein sein wie ein Stecknadelkopf oder groß wie eine Handfläche. Unter den Quaddeln sammelt sich Flüssigkeit an. Die Haut spannt sich und brennt mitunter wie Feuer. Die Quaddeln sind vergleichbar mit einer Hautreaktion beim Hautkontakt mit einer Brennnessel (lat. urtica). Daher wird diese Hautkrankheit Urtikaria genannt, deren Symptome jedoch ohne erkennbare Auslöser spontan auftreten können. Bei den meisten Betroffenen verschwinden die Quaddeln nach wenigen Stunden beziehungsweise Tagen plötzlich wieder. Bei vielen tritt die Urtikaria allerdings jahrelang immer wieder auf, sodass sie das gesamte Leben negativ beeinflussen kann.

Mehr als die Hälfte der Urtikaria-Patientinnen und -Patienten leidet an Angioödemen: Tiefe Schwellungen, die sehr unansehnlich, unangenehm und teilweiser sogar gefährlich sein können. Die Angioödeme können an allen Körperregionen entstehen und lassen die Haut im Gesicht, am Kopf, Hals, Armen, Händen oder Füßen massiv anschwellen. Die Urtikaria zeigt eine Lebenszeitprävalenz (=Häufigkeit der Personen, die einmal in ihrem Leben an einer bestimmten Erkrankung leiden) von ca. 9% für alle Formen. Treten die Hauterscheinungen für länger als sechs Wochen auf, wird von einer chronischen Urtikaria gesprochen,  die wiederum eine Lebenszeitprävalenz von ca. 2% aufweist. Bei der chronischen Urtikaria gibt es zwei unterschiedliche Formen: Bei der spontanen Form treten die Beschwerden spontan aufgrund unbekannter, aber auch bekannter Ursachen auf. Bei der induzierbaren Form hingegen wird die Urtikaria durch physikalische Reize (Wärme, Kälte, Licht, Druck, mechanische Irritationen oder Erhöhung der Körpertemperatur) ausgelöst. Bei der Urtikaria handelt es sich um eine Hautmastzell-vermittelte Krankheit (Mastzellen=Zellen der köpereigenen Abwehr), in der unterschiedliche Faktoren bei verschiedenen Patientinnen und Patienten für die Aktivierung und Degranulation (Histaminfreigabe) der normalen Mastzellen verantwortlich sind. Dabei verändern bei chronischer Urtikaria modulierende Faktoren die Reizschwelle und somit den Zeitpunkt der Histaminfreigabe.

Da die Urtikaria ein sehr heterogenes Krankheitsbild mit zahlreichen Unterformen darstellt, sollten neben einer symptomatischen Therapie zuerst eine gründliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung sowie Labortests durchgeführt werden, um andere Systemische Erkrankungen auszuschließen.
Je nach der Form der Urtikaria werden differenzierte diagnostische Untersuchungen vorgenommen. Die Voraussetzungen für die Eliminierung und das Meiden der möglichen Auslöser der chronischen Urtikaria ist eine gesicherte Diagnose. Als mögliche Auslöser zählen unter anderem Medikamente, Infektionen des gastrointestinalen Traktes mit Helicobacter pylori, sowie bakterielle Infektionen des Nasen-, Rachen- oder Zahnraums, die IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie und physikalische Reize (Kälte, Wärme, Druck, etc.).

Ist die Vermeidung des Auslösers nicht oder nicht ausreichend möglich, oder die Ursache der chronischen Urtikaria unbekannt, ist zunächst eine symptomatische Therapie mit H1-Antihistaminikum der 2. Generation indiziert. Die Behandlung mit Antihistaminika gilt als Urtikaria-Standardtherapie. Antihistaminika sind antiallergische Wirkstoffe, die den Effekt des körpereigenen Histamins neutralisieren. Sie werden als Tabletten eingenommen und gelten als gut verträgliche und effektive Medikamente.

Wichtig ist, dass Patienten mit chronischer Urtikaria das verschriebene Antihistaminikum stets durchgehend und auch prophylaktisch einnehmen. Mehrere Untersuchungen zeigen, das Antihistaminikum-Therapien wenig wirksam sind, wenn sie lediglich bei akuten Krankheitsschüben angewandt werden. Allerdings erfahren nur die Hälfte der Patientinnen und Patienten mit chronischer Urtikaria durch die Antihistaminika eine ausreichende Linderung. Jeder/jede zweite Betroffene hingegen ist auf andere Therapieoptionen (z. B. Biologika, IgE-Antikörper-Therapie) angewiesen. Neben einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität durch Juckreiz, Quaddeln und tiefere Hautschwellungen, Müdigkeit, Einschränkung des Aussehens, Angst und Depressionen kann die Urtikaria auch die individuelle Leistungsfähigkeit bei der Arbeit und den Alltag des Patienten beeinflussen. In der Tat zählt die Urtikaria zu der Gruppe der Hauterkrankungen, die im Vergleich zu anderen dermatologischen Krankheiten die Lebensqualität am stärksten einschränken. Daher ist das Ziel der kausalen und symptomatischen Therapie der Urtikaria, die als schwierig gilt, die völlige Beschwerdefreiheit.

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