0/5 Herzen (0 Stimmen)
Rheumatische Erkrankungen - Nicht nur Schmerzen! 0 5 0

Rheumatische Erkrankungen - Nicht nur Schmerzen!

von Prof. Dr. med. Martin Rudwaleit (Kommentare: 0)

In Deutschland leidet etwa ein Viertel der Bevölkerung an Einschränkungen des Bewegungsapparats, wie zum Beispiel chronischen Rückenschmerzen oder Arthrosen. Bei 1,5 Millionen, also 2 % der Deutschen, wurde eine entzündliche rheumatische Erkrankung diagnostiziert. „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff und steht für unterschiedliche rheumatische Erkrankungen, die in verschiedenen Formen und an vielen Stellen im Körper auftreten können. Aber was genau ist eine rheumatische Erkrankung und wie können Betroffene trotzdem ihren Alltag meistern? Diese und weitere Fragen werden in diesem Artikel von Prof. Dr. med. Martin Rudwaleit, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Rheumatologie am Klinikum Bielefeld Rosenhöhe beantwortet.

Rheumatische Erkrankungen, Ursachen und Symptome

Bei rheumatischen Erkrankungen handelt es sich um chronisch entzündliche Systemerkrankungen. Dabei kann es sich entweder um eine Autoimmun-erkrankung oder um eine chronisch inflammatorische (entzündliche) Erkrankung handeln. Eine Autoimmunerkrankung bedeutet, dass das Immunsystem das eigene Körpergewebe angreift und völlig unnötig Entzündungen in Gang setzt. Somit sind Autoimmunerkrankungen als eine Art Überreaktion des Immunsystems zu verstehen und nicht als Immunschwäche! Besonders Erwachsene sind davon betroffen, jedoch sind in Deutschland auch ca. 20.000 Kinder und Jugendliche an einer Art von Rheuma erkrankt, das jedoch nicht immer chronisch verlaufen muss. Rheumatische Erkrankungen haben vor allem Auswirkungen auf die Gelenke und den Bewegungsapparat, es können aber auch innere Organe, wie zum Beispiel die Lunge, das Herz, die Arterien, die Nerven oder die Niere betroffen sein. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen sind heutzutage oft gut behandelbar, dennoch müssen Betroffene lernen, mit der Krankheit ihren Alltag zu bewältigen. Aufgrund von Schmerzen, die die Krankheit nicht selten mit sich bringt, wenn z.B. die Therapie noch nicht richtig greift, oder anderer Einschränkungen können Betroffene teilweise vorübergehend nicht mehr ihren Beruf ausüben oder fehlen sehr oft in der Schule oder am Arbeitsplatz.

Folgen und Symptome sind:

  • Entzündungen unterschiedlicher Körpergewebe
  • daraus resultierende Schmerzen an Gelenken
  • Schädigung innerer Organe
  • Bewegungseinschränkungen
  • Beeinträchtigung der Lebensqualität


Zu den rheumatischen Erkrankungen wird von vielen auch die Fibromyalgie gezählt. Diese ist genau genommen aber keine entzündlich rheumatische Erkrankung, sondern vielmehr eine Schmerzerkrankung, bei der Verarbeitungsprozesse im Gehirn im Sinne eines veränderten Hirnstoffwechsels (und nicht Störungen in den Gelenken oder Muskeln!) zu oftmals sehr starken Schmerzen führen. 

Therapiemöglichkeiten

Der Therapieplan bei Rheumapatientinnen und -patienten wird sehr individuell und abhängig von der jeweiligen Diagnose und dem Schweregrad der Erkrankung erstellt. Es spielen viele Faktoren, wie zum Beispiel die entzündliche Aktivität, das Stadium der Erkrankung, aber auch die persönlichen Gegebenheiten eine Rolle. So können beispielsweise Gelenkentzündungen durch lokale Therapien wie Gelenk-Injektionen (oftmals sehr effektiv) aber auch rein medikamentös behandelt werden. Häufig kommen Kombinationen beider Therapieformen zur Anwendung. Rheumatische Erkrankungen werden aufgrund wirksamer Medikamente heutzutage viel seltener orthopädisch-operativ behandelt als früher.  Bei schwerem Krankheitsverlauf  bietet ein stationärer Aufenthalt in einem Krankenhaus den Vorteil einer raschen und umfassenden Diagnostik und die Möglichkeit einer intensivierten Therapie in Form von Gelenkpunktionen, medikamentösen und physiotherapeutischen Maßnahmen. Auch führt bei Befall von inneren Organen (Lunge, Niere, Nerven, Arterien), der sehr akut und dramatisch auftreten kann, der stationäre Aufenthalt schneller und sicher zum Ziel der Wiederherstellung der Gesundheit.  In vielen Fällen ist es möglich, die Symptome und Krankheitszeichen durch eine medikamentöse Einstellung dauerhaft gut zu kontrollieren. Man kann entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nicht wirklich präventiv entgegenwirken, mit einer Ausnahme: Rauchen. Wir wissen heute sicher, dass Raucher eher eine rheumatoide Arthritis entwickeln als Nichtraucher und das Rauchen nach Eintreten der Erkrankung mit einer schlechteren Prognose einhergeht. Viele Patienten mit einer rheumatischen Erkrankung haben einen zusätzlichen Bedarf an einer rehabilitativen Maßnahme, also zum Beispiel einer mehrwöchigen stationären Rehabilitation oder dauerhaften, ambulanten physiotherapeutischen Anwendungen. Bewegung und Funktionstraining ist in den meisten Fällen von rheumatischen Erkrankungen nicht nur förderlich, sondern unverzichtbar.

Die Wirkung von Bewegung bei rheumatischen Erkrankungen

Trotz starker Schmerzen bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ist es wichtig, dass die entzündeten Gelenke regelmäßig und kontinuierlich bewegt werden. Es wurden extra Funktionstrainings für rheumatische Erkrankungen entwickelt, welche die Gelenke so fordern, dass es ihnen gut tut, ohne sie dabei zu überfordern. Würden die Gelenke während akuter Entzündungsphasen extra geschont werden, kann es schnell zu Schrumpfungen der Gelenkkapsel kommen und somit zum Einsteifen. In einigen Fällen ist Training im warmen Wasser besonders förderlich, für andere ist Trockengymnastik von Vorteil. In jedem Fall führt regelmäßige Bewegung nicht nur zu einer verbesserten Fitness, sondern auch zur Schmerzreduktion. Diese gilt im Übrigen auch für die Arthrosen (Gelenkverschleiß) wie auch für die Fibromyalgie.
Funktionstrainings werden von Physiotherapeuten betreut, die sich auf rheumatische Erkrankungen spezialisiert haben und daher professionell und individuell auf die Förderung der einzelnen Person eingehen können. Das Training in normalen Fitnessstudios ist auf Ausdauer- und Kraftübungen ausgelegt und kann auch von Rheuma-Patienten durchgeführt werden, sofern die Erkrankung gut kontrolliert ist und keine Gelenkzerstörungen eingetreten sind, nicht jedoch im akuten entzündlichen Schub oder bei erheblichen Gelenkschäden.  
Ein spezielles physiotherapeutisch geleitetes Funktionstraining kann den gesundheitlichen Zustand stark verbessern und den Alltag der Betroffenen erleichtern, da die Bewegungen mit weniger Schmerzen ausgeführt werden können. Die Verschreibung von Funktionstraining ist einfach und kann durch jeden Arzt und jede Ärztin erfolgen, zumal das Budget des Arztes oder der Ärztin durch die Verschreibung von Funktionstraining nicht belastet wird.
Auch andere Sportangebote, wie zum Beispiel Yoga, können der Krankheit entgegenwirken. Neben der richtigen Bewegung trägt auch eine ausgewogene Ernährung dazu bei, dass Erkrankte eine Linderung verspüren und ihre Gesundheit optimieren.

Fragen und Antworten mit Prof. Dr. med. Martin Rudwaleit

Wie genau entsteht eine rheumatische Erkrankung?
Prof. Rudwaleit: Die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen gehören zu den komplexen Erkrankungen, zu dessen Auslösung verschiedene Faktoren beitragen. Dazu gehören genetische Faktoren, welche die Entstehung der Krankheit fördern. Des Weiteren können andere Ereignisse hinzukommen, wie z.B. die Stimulation des Immunsystems, welche in der Regel durch ganz banale virale oder bakterielle Infektionen hervorgerufen werden und vor denen wir uns auch kaum schützen können.

Kann man Rheuma präventiv vorbeugen?
Prof. Rudwaleit: Gesichert ist der negative Einfluss des Zigarettenrauchens auf die Entstehung der rheumatoiden Arthritis und auf den Verlauf der axialen Spondyloarthritis (Morbus Bechterew, entzündliche Wirbelsäulenerkrankung). Also, es gibt unzählige Gründe mit dem Rauchen aufzuhören oder besser erst gar nicht anzufangen. Die „Rheuma-Decke“ hat übrigens weder einen nachgewiesenen präventiven noch therapeutischen Effekt!

Welchen Nutzen hat die richtige Bewegung bei Rheuma langfristig?
Prof. Rudwaleit: Regelmäßige moderate Bewegungstherapie erhöht die allgemeine Fitness, schont die Gelenke durch stärkere Muskeln, verbessert die Beweglichkeit und ist schmerzlindernd.

Wie regelmäßig sollten die Übungen durchgeführt werden?
Prof. Rudwaleit: Abhängig von der Erkrankung und persönlichen Faktoren sind Bewegungstherapien 2 bis 3 mal wöchentlich auf jeden Fall zu empfehlen.

Können die Symptome durch Ernährung und Bewegung so gelindert werden, dass keine medikamentöse Behandlung nötig ist?
Prof. Rudwaleit: Dieses trifft nur für die Gicht zu, hier kann allein mit konsequenter Diät (purinarme Kost) und Bewegung die Gichtarthritis gut kontrolliert werden. Bei den meisten anderen entzündlich rheumatischen Erkrankungen ist oft eine medikamentöse Therapie erforderlich um die entzündliche Aktivität einzudämmen und zu kontrollieren.

Kann Rheuma gefährlich sein?
Prof. Rudwaleit: Ja, auf jeden Fall. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen, die Entzündungen an den Arterien verursachen (Vaskulitis), können unerkannt und unbehandelt rasch zu Erblindung, zum Schlaganfall, zum Lungenversagen oder auch zum Nierenversagen führen und sind somit genauso gefährlich wie ein akuter Herzinfarkt. Vorboten sind oftmals ein unklares hohes Fieber, stark erhöhte Entzündungswerte im Blut oder ein schlechter Allgemeinzustand. Diese Erkrankungen müssen durch den Rheumatologen als geschulten Spezialisten rasch erkannt und behandelt werden. Klinikabteilungen mit der Spezialisierung Rheumatologie sind für diese Patientinnen und Patienten daher die richtigen Anlaufstellen.

Selbsthilfe

Die Rheuma-Liga NRW bietet diverse Bewegungsangebote für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen an und setzt sich auch für finanzielle Förderungen dieser Angebote ein.
Auch in Bielefeld gibt es die Möglichkeit, an einem Programm der Rheuma-Liga teilzunehmen.

Kontakt
Tel.: 02 01. 8 27 97 - 718
E-Mail: ag-bielefeld@rheuma-liga-nrw.de
rheuma-liga-nrw.de/arbeitsgemeinschaft/bielefeld/

Sprechzeiten
Dienstag 15 - 17 Uhr
Im Franziskushospital: Kiskerstr. 26, 33615 Bielefeld

Telefonische Fragestunde
Dienstags 14 - 15 Uhr unter Tel.: 02 01. 8 27 97 - 718

Eine weitere Selbsthilfegruppe ist z.B. die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB):
www.bechterew.de

Zurück

Einen Kommentar schreiben